Schlucken & Sprechen bei Menschen mit Parkinson

Wie kann ich besser schlucken und sprechen?

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Schlucken und Sprechen

Für viele sind Vorgänge wie Schlucken & Sprechen selbstverständlich - für Menschen mit Parkinson kann das Gewohnte auf einmal zum alltäglichen Problem werden.

In diesem Abschnitt erfahren Sie mehr über die Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten einer Schluckstörung (Dysphagie) sowie einer Sprechstörung (Dysarthrie).
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Das Schlucken

Essen und Trinken bietet jedem einzelnen Menschen ein hohes Maß an Lebensqualität, da die tägliche Mahlzeit nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch soziale Interaktion und Kommunikation ist. Die Erfahrung, nicht mehr richtig essen und trinken zu können, führt bei Menschen mit Parkinson zu einer erheblichen Einschränkung ihres Alltags. An Stelle von Genuss tritt die Angst vor dem Verschlucken oder sogar der Verzicht auf eine natürliche Nahrungsaufnahme. Nicht mehr an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen zu können, birgt zudem die Gefahr der sozialen Isolation. Schwere Schluckstörungen, die häufig erst sehr spät erkannt werden, können unter Umständen sogar lebensbedrohlich sein.


Das gesunde Schlucken

Schlucken ist eine angeborene Fähigkeit, die phasenweise abläuft und willkürliche (bewusst gesteuerte) sowie reflektorische (willentlich nicht beeinflussbare) Anteile aufweist. Eigentlich passiert Schlucken nebenbei, ungefähr 600 bis 2.000 Mal in 24 Stunden, nachts schluckt man weniger als am Tag. Die Auslösung des Schluckreflexes (Triggerung) ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Speichelproduktion. Wichtig sind auch die Größe des Bissens (Bolus) und seine Beschaffenheit (Konsistenz) sowie das Kauen: Bei normalem Zahnstatus und Speichelfluss beträgt die Kaufrequenz bis zur Auslösung des Schluckreflexes durchschnittlich ca. 20 bis 30 Kauvorgänge.

Das Schlucken in "Zeitlupe"

  1. Nahrung wird in den Mund genommen, gekaut und eingespeichelt (Orale Vorbereitungsphase).
  2. Nahrung wird über die Zunge in den hinteren Mundraum transportiert, der Schluckreflex wird ausgelöst (Orale Transportphase).
  3. Nahrung gelangt durch den Rachen, Kehldeckel des Kehlkopfs verschließt die Luftröhre, Speiseröhre öffnet sich (Pharyngeale Phase).
  4. Nahrung gelangt über die Speiseröhre in den Magen, Luftröhre wird wieder geöffnet (Öesophageale Phase).

Schluckstörung (Dysphagie)

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Gestörtes Schlucken wird mit dem Fachbegriff "Dysphagie" bezeichnet. Das Wort leitet sich ab vom griechischen Wort "phagein" (essen) und "dys" (gestört). Störungen des Schluckvorganges können in allen Phasen auftreten. Die Gefahr dabei ist, dass Speichel, Nahrung und Flüssigkeiten nicht in den Magen, sondern in die Atemwege und damit in die Lunge gelangen ("Aspiration"). Wenn aspirierte Nahrung tiefer in die Lunge rutscht, kann sie dort eine Lungenentzündung verursachen und zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.

Normalerweise schützen wir uns durch Husten vor einer Aspiration. Dieser wichtige Schutzreflex des Körpers ist bei Parkinson oft abgeschwächt, was die Gefahr somit verdoppelt: Die Betroffenen verschlucken sich häufiger und haben gleichzeitig einen verminderten Schutzreflex.

Gerade die orale Phase des Schluckens ist bei Menschen mit Parkinson gestört. Durch die verminderte Rotationsbewegung des Kiefers und die Abnahme der Beweglichkeit/Kraft der Zunge kann der Speisebrei (Bolus) nicht richtig geformt und der Transport der Nahrung beeinträchtigt werden. Die Speise verbleibt zu lange im vorderen Mund, der Schluckreflex wird zu spät oder gar nicht ausgelöst, was zum unkontrollierten Überlaufen der Nahrung oder Flüssigkeiten in den Rachen führt (Leaking).

Weiter führen Bewegungseinschränkungen im Rachen- und Kehlkopfbereich zu einem verlangsamten Nahrungstransport durch den Rachen und zu einem reduzierten Kehlkopfverschluss, der dringend nötig ist, um den "falschen Weg" der Nahrung in die Luftröhre zu verhindern. Nahrungsreste verbleiben im Rachen und werden aufgrund von Wahrnehmungsproblemen nicht bemerkt.

Wenn Sie sich akut verschlucken, versuchen Sie Ruhe zu bewahren! Ihre Angehörigen können Ihre Ausatmung unterstützen, indem Sie die Hände an Ihren seitlichen Brustkorb (rechts und links an den Rippenbögen unterhalb der Achseln) legen und Sie bei einem sehr kräftigen und wiederholten Husten unterstützen. Bei akuter Erstickungsgefahr kann Ihnen Ihr Angehöriger mit der flachen Hand gezielt zwischen die Schulterblätter schlagen, während Sie Ihren Oberkörper deutlich nach vorne beugen! Husten Sie mehrmals kräftig! Trainieren Sie dieses "Manöver" auch einmal ohne Verschlucken!

Symptome einer Schluckstörung (Dysphagie)

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Eine Dysphagie ist nicht immer eindeutig erkennbar, aber es gibt Erfahrungswerte und Anzeichen, die deutliche Hinweise auf beginnende Schluckprobleme liefern können. Indirekte Anzeichen können darauf hinweisen, stellen sich jedoch nicht bei jedem und vielleicht zeitlich verzögert ein:

  • Gewichts- und Flüssigkeitsverlust (die Haut ist extrem trocken, besonders an der Hand),
  • Sodbrennen und Aufstoßen,
  • erhöhte Körpertemperatur, plötzliches Fieber,
  • Verschlechterung des Allgemeinzustandes mit unklarer Ursache,
  • auffälliges Blutbild,
  • Bronchitis und Lungenentzündung.


Direkte Anzeichen
treten unmittelbar beim oder nach dem Essen und Schlucken auf: 

  • Häufiges Verschlucken an Speichel, bestimmten Speisen oder Getränken,
  • häufiges Räuspern oder Husten (ggf. auch verspätet), bis hin zu Hustenanfällen,
  • erschwerte Atmung nach dem Schlucken (Atemnot, -geräusche, -stopp),
  • Kloßgefühl im Hals,
  • vermehrter Speichel, ungewollter Speichel - bzw. Nahrungsaustritt aus dem Mund,
  • gurgelnde Stimme,
  • brodelnde, rasselnde Atemgeräusche,
  • Niesen beim Essen u. U. mit Austritt von Speichel, Nahrung, Flüssigkeit aus der Nase,
  • Nahrungsansammlungen im Mund (in Wangentaschen, Gaumen, Rachenhinterwand),
  • mühevolles, langsames Essen von geringen Mengen,
  • Aufstoßen und unerwartetes "Hochwürgen" von Speiseresten nach den Mahlzeiten (Reflux),
  • Nahrungsverweigerung (Angst, sich zu verschlucken),
  • gerötete Augen, Aufsteigen von Tränen bei einer stillen Aspiration (Aspiration ohne Auslösen des Hustenreflexes).

Zuviel oder zu wenig Speichel?

Menschen mit Parkinson schlucken deutlich weniger als gesunde Personen. Aus diesem Grund leiden etwa 70 Prozent der Betroffenen an einem verminderten Abschlucken von Speichel bzw. störendem Speichelaustritt aus dem Mund. Erstaunlicherweise kann man bei Parkinson neben einem verstärkten Speichelfluss auch das Phänomen der zum Teil akuten Mundtrockenheit beobachten (Xerostomie), die aufgrund einer verminderten Produktion von Speichel entsteht. Sowohl für ein Zuviel als auch für ein Zuwenig an Speichel gilt: die Balance für eine angemessene Speichelproduktion wiederherstellen. Neben therapeutischen Maßnahmen können Sie bei der Nahrungsaufnahme folgende Hinweise beachten:

  • Salziges fördert dünnflüssigen Speichel,
  • Säurehaltiges regt die Speichelproduktion an,
  • Süßigkeiten, Milch und Milchcremes (außer Joghurt oder Sauermilch) eher vermeiden - sie fördern dicken, schleimigen Speichel,
  • lange kauen, Nahrung gut einspeicheln,
  • eher "feuchte Kost" zu sich nehmen (z. B. ausreichend Soße, Obstmus).

Liegt Ihr Problem in einer verminderten Schluckrate sollten Sie versuchen, bewusst zu schlucken, auch wenn Sie weder essen noch trinken. Üben Sie 2x täglich mit dem "Schluck-Wecker": Stellten Sie sich alle zwei Minuten über einen Zeitraum von 30 Minuten einen Wecker - schlucken Sie bei jedem Klingeln Ihren Speichel. Die Schluckfrequenz erhöht sich damit nach drei Wochen und der Speichelfluss wird weniger.

Diagnose der Schluckstörung

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Durch die Klinische Schluckuntersuchung (KSU) soll das Vorhandensein sowie die Schwere von Schluckstörungen festgestellt werden - gegebenenfalls werden weitere Untersuchungsverfahren eingeleitet. Eine klinische Diagnostik durch einen Logopäden umfasst:

  • Ein Gespräch zum Krankheitsverlauf und zu Beschwerden in Bezug auf das Schlucken inklusive Angaben von Angehörigen (Anamnesegespräch),
  • eine Untersuchung der am Schlucken beteiligten Organe (Lippen, Kiefer, Wangen, Zunge, Gaumensegel, Kehlkopf),
  • Testen der Funktionsfähigkeit des Schluckablaufs anhand unterschiedlicher Konsistenzen,
  • Beobachtung des Schluckens in unterschiedlichen Wirkphasen der Medikation,
  • Testen der Schutzreflexe Räuspern und Husten,
  • Beobachtungen zur Häufigkeit des Schluckens und Auslösung des Schluckreflexes,
  • Beurteilung des Stimmklanges (feuchte oder gurgelnde Stimme/"wet voice").

Behandlungsmethoden bei Schluckstörungen

Dysphagietherapie in der Klinik
In vielen Parkinson-Fachkliniken sowie neurologischen Rehabilitationskliniken in Deutschland wird eine fundierte und standardisierte Dysphagiediagnostik und -therapie angeboten. Der Vorteil in der Klinik besteht darin, dass interdisziplinär gearbeitet wird. Dies bedeutet, dass Spezialisten verschiedener Berufsgruppen (Sprachtherapeuten, geschulte Pflegefachkräfte, Physiotherapeuten sowie Ärzte) Sie vor Ort gemeinsam über die Therapie einer Schluckstörung und die weitere Versorgung im häuslichen Umfeld beraten.


Ambulante Sprachtherapie

In Deutschland können Sie über Ihren Hausarzt oder Neurologen, aber auch vom HNO-Arzt eine Heilmittelverordnung zur Schlucktherapie bei einem Logopäden/Sprachtherapeuten erhalten. Die Leistung wird von der logopädischen Praxis über Ihre gesetzliche Krankenkasse abgerechnet.


Schluckstrategien im Eigentraining

Es gibt verschiedene, zielgerichtete Behandlungsmethoden und Übungen, um bestehende Schluckstörungen zu überwinden. Diese lassen sich in drei Gruppen unterteilen:

Lassen Sie sich Ihre speziell ausgewählten Übungen - passend zu Ihrem individuellen Schluckproblem - möglichst von einem Schlucktherapeuten zeigen oder probieren Sie sie allein oder mit Ihren Angehörigen aus. Üben Sie je 10x und machen Sie nach jeder Übungssequenz eine Pause.


RESTITUIERENDE VERFAHREN (RV)

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Übung RV 1: "Lippenschluss" (verbesserter Mundschluss)
Halten Sie einen Eierlöffel aus weichem Kunststoff drei Sekunden fest im Mund, halten Sie die Lippen fest verschlossen und versuchen Sie den Löffel herauszuziehen!

Übung RV 2: Knopfübung
Befestigen Sie einen flachen Knopf an einem Faden und stecken ihn in den Mund. Bewegen Sie ihn bei geschlossenen Lippen nach oben (Faden nahe beim Kopf!), dann geradeaus und nach unten!

Übung RV 3: Kieferbewegung
Schieben Sie Ihren Unterkiefer nach vorne, dann bewegen Sie ihn nach rechts und links! Bitte nur sanfte Bewegungen machen, auch wenn die Bewegungsauslenkung zunächst nur sehr klein ist!

Übung RV 4: Zungenbeweglichkeit

  • Strecken Sie die Zunge so weit wie möglich raus. Drei Sekunden halten!
  • Zunge bei geöffnetem Mund im Wechsel in Richtung Nase heben, anschließend die Zungenspitze hinter der unteren Zahnreihe verstecken.
  • Mit der Zungenspitze abwechselnd den linken und rechten Mundwinkel berühren.
  • Mit der Zungenspitze an der Ober- und Unterlippe entlangfahren. Bei geöffnetem Mund die Zunge im Uhrzeigersinn und entgegengesetzt kreisen.

Die Multi-Übung für "Jedermann"
Trainieren Sie alle relevanten Muskelgruppen und regen dabei den Schluckreflex an! Verengen Sie einen Trinkhalm während des Saugens durch festes Zusammendrücken des Halmes. Saugen Sie damit sehr kräftig in einem Wasserglas, so dass Sie erheblichen Widerstand haben. Lassen Sie das Wasser entweder im Trinkhalm nur bis zur Mitte ansteigen und schlucken anschließend trocken. Oder: Saugen Sie so lange, bis Sie ein wenig Flüssigkeit in den Mund bekommen und schlucken diese.

KOMPENSATORISCHE VERFAHREN (KV)

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Übung KV 1: Kopfneigung nach vorne (Chin tuck)
Neigen Sie während des Schluckens das Kinn in Richtung Brust, so als wollten Sie nicken. Dies ist die effektivste Methode, ein Verschlucken zu verhindern. Üben Sie zunächst "leer", dann mit Apfelmus und nachfolgend mit Wasser.

Übung KV 2: Husten und trocken nachschlucken
Husten (nicht räuspern!) Sie nach einzelnen Schlucken bzw. schlucken Sie "leer" nach.

Übung KV 3: Kräftiges Schlucken
Versuchen Sie, beim Schlucken Ihre Mund- und Rachenmuskulatur sehr kräftig einzusetzen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten bei jedem Schluck eine Tablette oder ein Stück Brot herunter schlucken.

Übung KV 4: Kopfdrehung
Drehen Sie unmittelbar bevor Sie schlucken Ihren Kopf möglichst um 90 Grad zur Seite und lassen ihn während des Schluckens gedreht. Wählen Sie die Seite, zu der Sie Ihren Kopf besser drehen können.

Menschen mit Parkinson haben häufig eine gestörte Atem-Schluck-Abfolge und atmen nach dem Schlucken ein anstatt aus, was zur Aspiration führen kann. Das "Supraglottische Schlucken" kann diese Abfolge wieder ins Gleichgewicht bringen: Führen Sie diese Übung ohne Nahrung im Mund aus! Senken Sie das Kinn gegen die Brust. Atmen Sie tief durch die Nase ein. Halten Sie die Luft fest an. Schlucken Sie, halten Sie die Luft weiter an. Husten Sie sofort nach dem Schlucken. Schlucken Sie leer nach. Zwischen Schlucken und Husten darf kein Atemzug liegen!

ADAPTIERENDE VERFAHREN (AV)

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Anpassung AV 1: Klare Flüssigkeit
Wenn Sie sich häufig verschlucken ohne ausreichenden Hustenstoß (Aspirationsrisiko!): Trinken Sie milde Flüssigkeiten, möglichst ungezuckert, mit einem hohen Wasseranteil,
z. B. milden Tee und sehr stark verdünnte Saftschorlen.

Anpassung AV 2: Angedickte Getränke
Wenn Sie sich sehr oft an Flüssigkeiten verschlucken und die sichere Flüssigkeitszufuhr nicht mehr möglich ist, sollten Sie eher angedickte, nektarartige Getränke zu sich nehmen.

Anpassung AV 3: Wechselkost
Wenn bei Ihnen keine Aspirationsgefahr von Flüssigkeiten besteht, spülen Sie nach jedem fünften Bissen mit etwas Wasser Speisereste aus Mund und Rachen, um ein Verschlucken zu vermeiden.

Anpassung AV 4: Nahrungsplatzierung auf der Zunge
Ihnen rutscht der Bissen immer wieder von der Zunge? Benutzen Sie einen flachen Löffel. Platzieren Sie einen kleinen Bissen genau auf der Mitte der Zunge und schlucken Sie sofort.

Anpassung AV 5: Trinkhilfe
Trinken Sie möglichst aus breiten Tassen oder ausgeschnittenen Bechern. So können Sie das Glas oder auch die Tasse leer trinken, ohne das Kinn anheben zu müssen.

Sitzen Sie beim Essen aufrecht und halten Sie Ihren Kopf dabei so gerade wie möglich. Konzentrieren Sie sich auf das Essen und vermeiden Sie Ablenkung, z. B. durch den Fernseher. Bereiten Ihnen harte Nahrungsmittel beim Schlucken Schwierigkeiten, versuchen Sie nicht, diese mit Flüssigkeit hinunterzuspülen - greifen Sie besser nach weicheren Alternativen. Dicke Soßen und Dips können zusätzlich helfen, die Nahrung im Mund besser unter Kontrolle zu bringen. Erleichtern Sie sich das Trinken mit einem dicken Strohhalm.

Der Grundsatz lautet: Lassen Sie sich Zeit beim Essen und schlucken Sie lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.


Weiteres SERVICEMATERIAL zum Thema Schlucken erhalten Sie bei Ihrem Neurologen. weiter


Das Sprechen

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Im Laufe der Parkinsonerkrankung entwickeln bis zu 90 Prozent der Betroffenen eine Stimm- und Sprechstörung. Durch die Beeinträchtigung der Verständlichkeit kommt es zu häufigem Nachfragen, was zu Sprechangst, Sprechvermeidung und Frust führt. Leider wirkt die medikamentöse Therapie beim Sprechen in der Regel kaum. Deswegen ist es wichtig, dass man möglichst direkt nach der Diagnosestellung "Parkinson" ein Stimm- und Sprechtraining beginnt. Studien haben eindrucksvoll bewiesen, dass der Erhalt einer gut verständlichen Sprechweise dann am größten ist.


Das natürliche Sprechen

Voraussetzung für das normale Sprechen ist ein optimales Zusammenspiel von Atmung, Stimme und Lautbildung. Durch eine aktive Ausatmung werden die Stimmlippen in Schwingungen versetzt und mithilfe der Artikulationsorgane (Lippen, Zunge, Kiefer, Gaumensegel) zu Lauten geformt.

Eine natürliche Sprechweise zeichnet sich auch durch Betonung und Sprechmelodie (Akzent und Intonation), sowie Sprechtempo, Sprechrhythmus und Sprechpausen aus, den sogenannten prosodischen Merkmalen. Für die Feineinstellungen der Prosodie sind Atem-, Stimm- und Artikulationsmuskeln gemeinsam zuständig und bei Störungen, wie durch Parkinson, schnell anfällig.

Die Mimik ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Kommunikation und Ausdruck einer bestimmten Gemütsbewegung. Mimische Interaktion ist sozial bedeutsamer als der gesprochene Inhalt selber. Hilfreiche Übungen zum Thema mimische Interaktion finden Sie unter "Bewegung".


Sprechstörung (Dysarthrie)

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Parkinson ist eine Erkrankung, die in erster Linie die Beweglichkeit betrifft, auch die Beweglichkeit der am Sprechen beteiligten Organe. Gestörtes Sprechen wird mit dem Fachbegriff "Dysarthrie" bezeichnet. Eine leisere Stimme (Hypophonie) kann das erste Anzeichen für Parkinson sein! Diese nehmen die Betroffenen selbst jedoch oft nicht wahr. In fortgeschrittenen Stadien kann es zu Beeinträchtigungen des Sprechens kommen, die vermutlich durch längere Einnahme von L-Dopa-Präparaten ausgelöst werden.

Das Lautstärke-Dilemma
Menschen mit Parkinson sprechen oft sehr leise. Durch Akinese (Bewegungsarmut) und Rigor (Muskelsteifigkeit) wird viel Kraft aufgewandt, um die Stimme in Gang zu bringen. Für die Betroffenen fühlt es sich an, als ob sie fast schreien würden, während das Gehirn ihnen das Sprechen in natürlicher Lautstärke vortäuscht.

Vergessen Sie nicht: Es ist nur Ihre eigene Sprechwahrnehmung gestört, nicht Ihr Gehör für Umgebungslärm und andere Sprecher! Kontrollieren Sie mit Hilfe von Tonband- und Videoaufnahmen Ihre wirkliche Lautstärke. Sie werden staunen!

Symptome einer Sprechstörung (Dysarthrie)

Häufige Anzeichen für eine Dysarthrie sind unwillkürliche Überbewegungen und Verkrampfungen im Bereich des Mundes, des Gesichts, des Kiefers und der Atmung. Neurogenes Stottern kann auftreten und wird als Nebenwirkung der Medikamente vermutet.

Weitere Symptome sind:

  • flache, hastige, schulterbetonte Atmung, schnelles außer Atem sein, Sprechen auf Restluft,
  • leise Stimme (Hypophonie),
  • behauchte, raue, heisere oder knarrende Stimme,
  • monotones Sprechen (Fehlende Stimmdynamik und Tonhöhenvariabilität),
  • undeutliche Aussprache ("Nuscheln") bei geringer Kieferöffnung,
  • erhöhtes Sprechtempo, Wort- und Silbenwiederholungen,
  • eingeschränkte Mimik ("maskenhafter" Ausdruck, der falsche Emotionen vortäuschen kann),
  • insgesamt eher unnatürliche und unverständliche Sprechweise.

Therapie bei Sprechstörung

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Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Sie sollten spätestens bei offensichtlichen Veränderungen der Stimme oder des Sprechens eine Therapie beginnen und ein Eigentraining durchführen. Durch einen sehr frühen Behandlungsbeginn können Sie Ihren gesamten Körper noch optimal bei den Übungen nutzen, maximal aktiv mitarbeiten und die Übertragung in den Alltag leichter vollziehen. Zudem können Sie einer Gewöhnung an einen leisen, monotonen Stimmklang vorbeugen. Dieses vorbeugende Training wird ihre stimmlichen Fähigkeiten fördern, den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und schafft die Voraussetzungen für den größten und am längsten anhaltenden Erfolg!

Ambulante oder stationäre Therapie?

Viele Patienten wünschen sich eine logopädische Therapie ausschließlich im Rahmen ihrer stationären Rehabilitation. Besondere Therapien, wie das LSVT® LOUD ("Goldstandard"-Therapie), sind jedoch für den ambulanten Bereich ausgelegt. Außerdem kann das Kernproblem der fehlerhaften Wahrnehmung ambulant effektiver angegangen und die daraus resultierenden Übungen zur Selbstkontrolle im häuslichen Umfeld umgesetzt werden. Andere Therapieformen, wie zum Beispiel die Atemtherapie, sind ebenfalls ambulant sinnvoll. Häufig hat es sich bewährt, ambulante und stationäre Therapie miteinander zu verbinden. Die Reihenfolge und der Abstand zueinander sind vom individuellen Einzelfall abhängig.

Wie finde ich einen Therapeuten?
Niedergelassene Therapeuten, die sich auf die Parkinsonsprechtherapie spezialisiert haben, werden Sie häufig über Mundpropaganda (zum Beispiel in einer ortsansässigen Parkinson-Selbsthilfegruppe) erfahren. Verzeichnisse sprachtherapeutischer Praxen finden Sie im Telefon- oder Branchenbuch, bei Krankenkassen, in Reha-Kliniken oder in Ihrer Arztpraxis.

Eigentraining
Nach einer logopädischen Therapie, der vorherigen Anleitung eines Therapeuten und ausreichender Routine in der richtigen Durchführung von Stimmübungen können Sie das Training alleine fortführen. Nehmen Sie sich anfangs immer nur einen Übungsschwerpunkt vor. Wenn Sie diesen einen Aspekt mit Leichtigkeit auf allen Sprechebenen einsetzen können, nehmen Sie einen neuen Schwerpunkt hinzu. Beispiele von Übungen für das Eigentraining finden Sie nach unserem Tipp!

Machen Sie sich Erinnerungshilfen für das laute Sprechen und kleben Sie diese an verschiedene Stellen in Ihrer Wohnung und an Ihren Arbeitsplatz.
Erstellen Sie sich zur Motivation ein persönliches Übungsprotokoll (Beispiel siehe unten) oder notieren Sie sich Trainingseinheiten in Ihrem Kalender.
Entwickeln Sie eine Routine für das Üben in Ihrem Tagesablauf (Zeit und Ort). So werden die Übungen für Sie ganz selbstverständlich.
Informieren Sie Nachbarn, Mitbewohner und Angehörige über Ihr Stimmtraining, um keine Hemmungen bezüglich der Lautstärke bei den Übungen zu haben.


Eigentraining der Stimme


AUFWÄRMTRAINING FÜR DIE STIMME

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Übung1

Tönen Sie jede Silbe mit großer Mundöffnung 10 x laut ca. 2 - 3 Sek. gedehnt auf dem Vokal (A).

MA – MA – MA – MA – MA – MA – MA – MA – MA – MA
HA – HA – HA – HA – HA – HA – HA – HA – HA – HA
A – A – A – A – A – A – A – A – A – A

Ist Ihre Stimme kratzig, tönen Sie MO – / HO – / O! Hören Sie nur auf, wenn Ihnen der Hals weh tut.


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Übung 2
Sprechen Sie mit viel Kraft und einer Pause nach jedem Wort laut:

Muck – Muck – Muck – Muck – Muck – Muck – Muck – Muck – Muck – Muck
Hopp – Hopp – Hopp – Hopp – Hopp – Hopp – Hopp – Hopp – Hopp – Hopp
HE – HE – HE – HE – HE – HE – HE – HE – HE – HE



BETONUNGSTRAINING

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Versuchen Sie das markierte Wort besonders zu betonen:

Was willst du schon wieder?
Was willst du schon wieder?
Was willst du schon wieder?

Was wir schon alles gemeinsam erlebt haben!
Was wir schon alles gemeinsam erlebt haben!
Was wir schon alles gemeinsam erlebt haben!

Fliegst du nach Hamburg?
Fliegst du nach Hamburg?



FREIES SPRECHEN UND GELENKTE REDE

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Diese Übungen erfordern das laute, deutliche Sprechen eines einzelnen Wortes. Sie sind trotzdem sehr anspruchsvoll, weil Sie Wörter selber abrufen müssen und sich in dem Moment auf diese Wortsuche konzentrieren werden. Vergessen Sie aber nicht, weiterhin laut zu sprechen!

  • Jemand fragt Sie ein Kreuzworträtsel mündlich ab,
  • sagen Sie sich laut Wörter (Assoziationen) zu je einem Thema! Beispiel: Elektrogeräte (Staubsauger, Toaster, Rasierapparat, …) oder Sommer (Hitze, Sonnenschirm, Strand, …),
  • sagen Sie sich laut Wörter zu je einem Anfangsbuchstaben (z. B. mit T: Tomate, Tankstelle, trinken, …) oder spielen Sie mündliches Stadt-Land-Fluss,
  • benennen Sie zügig Bilder, z. B. aus einem Memory-Spiel oder einer Zeitschrift.



TRANSFERÜBUNGEN IM ALLTAG

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Stellen Sie sich aus den Vorschlägen des Aufwärm-, Zwischen-, und Alltagstrainings Ihr eigenes Programm zusammen. Sie können diese mit eigenen Ideen und Übungen Ihres Therapeuten ergänzen.


"Warming Up" am Morgen

  • Sprechen Sie schon Ihre allererste Äußerung laut: z. B. "Guten Morgen" (auch zu sich selbst)
  • Motivieren Sie sich vor dem Spiegel mit einem lauten "Ich starte mit einer kräftigen Stimme in den Tag!"
  • Tönen Sie kraftvoll 3 x ein HE
  • Kaufen Sie sich einen Tagesabreißkalender mit kurzen Sprüchen oder kleinen Texten und lesen Sie jeden Tag den Spruch laut vor, auch wenn Sie alleine leben.


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Extratraining

  • Lesen Sie kurze Artikel aus einer Zeitung oder Illustrierten laut vor
  • Wenn Sie ein Buch lesen, lesen Sie jeweils die ersten drei Zeilen jeder Seite laut
  • Kommentieren Sie die Zubereitung des Essens laut oder lesen Sie ein Kochrezept laut vor
  • Singen Sie laut


Situationstraining

  • Fragen Sie Passanten laut nach der nächsten Haltestelle, Post oder nach der Uhrzeit
  • Sagen Sie Ihre Wünsche beim Metzger, Bäcker, Verkäuferin usw. laut.
  • Sprechen Sie Fragen oder kurze Antworten mit Freunden, Familienmitgliedern, der Sekretärin, Arbeitskollegen, bei Versammlungen etc. ganz bewusst laut
  • Beteiligen Sie sich laut an Diskussionen und Streitigkeiten


Wenn Sie alleine leben, suchen Sie sich bewusst Sprechsituationen für die jeweilige Transferübung: Rufen Sie jemanden an (vielleicht hilft Ihnen jemand beim Üben, indem Sie ihn jeden Morgen anrufen dürfen) und machen Sie Ihre Übungen mit Nachbarn, Verkäufern, Arzthelferinnen oder Busfahrern.

MIMIKTRAINING

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(für Augenbrauen – Nase – Lippen)

Tägliches Training der Gesichtsmuskulatur kann Ihre Ausdrucksfähigkeit erhalten oder wieder verbessern. Da die mimischen Muskeln ihre Stimmung anzeigen, spielen sie bei der nonverbalen Kommunikation eine wichtige Rolle.

Übung 1
Je 3 x im Wechsel und in jeder Position in Gedanken bis drei zählen und dabei halten. Heben Sie beide Augenbrauen, dann runzeln Sie die Stirn ("erstaunt schauen").

Übung 2
Ziehen Sie die Augenbrauen zusammen ("verärgert"), dann rümpfen Sie die Nase ("angeekelt").

Übung 3
Spitzen Sie die Lippen ("Kussmund") / Sprechen Sie ein "u".

Übung 4
Ziehen Sie die Lippen breit ("übertriebenes Lächeln") / Sprechen Sie ein übertriebenes "i".

Weitere Mimikübungen finden sie in unserer Rubrik "Bewegung"!

Setzen Sie Ihre Mimik bewusst im Alltag ein. Die Übungen sollten Sie möglichst vor einem Spiegel durchführen, um das Bewegungsausmaß zu kontrollieren.


Weiteres SERVICEMATERIAL zum Thema Sprechen erhalten Sie bei Ihrem Neurologen. weiter


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