Aktiv im Leben mit Parkinson

"Entscheidend ist, was noch geht – und das ist viel"

11.05.2012 - Wie jeden Tag steht auch heute wieder Radfahren auf dem Programm. Für Kristina Deichsel, 59 Jahre, ist das Training auf ihrem Heimtrainer zum festen Bestandteil des Tages geworden – und nicht nur aus rein sportlichen Gründen. Kristina Deichsel lebt seit 5 Jahren mit Parkinson.

Aktiv im Leben mit Parkinson - Entscheidend ist, was noch geht – und das ist vielKristina und Guntram Deichsel: Aktiv im Leben, auch mit Parkinson.
Foto: Schwäbische Zeitung


Die tägliche Bewegung tut ihr gut, wirkt sich positiv auf ihre Motorik und die Muskelkraft aus. Das Programm auf dem fahrradähnlichen Trainer ist Teil von Kristina Deichsels persönlicher Methode, ihre Parkinson-Symptome zu lindern. Sowohl Beine als auch Arme werden mit Hilfe eines Motors konstant bewegt und damit die Bewegungsabläufe gefördert und stabilisiert.

Kristina Deichsels Devise: Offen mit der Erkrankung umgehen
Gerade die Motorik der rechten Hand ist für die Gymnasiallehrerin wichtig, sei es an der Tafel oder für das Korrigieren von Schulaufgaben. Als Lehrerin konnte Kristina Deichsel ihre Symptome schwer verbergen. Sie ergriff die "Flucht nach vorne" und erzählte ihren Schülern von der Erkrankung. Ihre geradlinige Art half offensichtlich ihrem Umfeld, mit der Nachricht umzugehen. Kristina Deichsel stieß auf viel Verständnis, Kollegen zeigen sich zuvorkommend, gehen offen auf sie zu. Ein Glück.

Aktiv sein, körperlich und geistig, das war schon immer Kristina Deichsels Lebensmotto. Und ist es heute noch, auch mit Parkinson. Ein ausgefülltes schönes Leben zu führen, lässt sie sich nicht nehmen. Diese Grundeinstellung – davon ist Kristina Deichsel überzeugt – hilft ihr maßgeblich, die täglichen Widrigkeiten der Erkrankung zu meistern.


Erste Anzeichen von Parkinson zeigten sich schon früh

Ein frühes Anzeichen ihrer Parkinson-Erkrankung zeigte sich bereits Jahre vor der Diagnose, wie Kristina Deichsel heute rückblickend weiß: Die leichte Beeinträchtigung ihres Geruchssinnes konnte sie damals nicht einordnen und nahm sie auch nicht als störend wahr. Erst als später im Zuge der diagnostischen Untersuchungen ein Test die Defizite im Riechvermögen bestätigte, wurde ihr ein möglicher Zusammenhang mit Parkinson bewusst.

Weitere Boten der Erkrankung folgten 2005. Ihre rechte Hand reagierte seltsam, so dass sie sich dachte: "Warum ist meine Hand so unmotiviert abstehend und nicht am Körper, wo sie hingehört?". Dann kam noch eine Unsicherheit im Gehen dazu. Kristina Deichsel musste auch irritiert feststellen, dass ihr das Schreiben immer schwerer fiel – so schwer, dass sie sich nicht mehr traute, vor den Augen einer Verkäuferin ihre Kaufquittungen zu unterschreiben. Das war der Auslöser für den Besuch beim Neurologen.

Trotz Diagnose der Blick nach vorne
Die Diagnose im Jahr 2007 war für die damals 54-Jährige ein wahnsinniger Schock. Angst vor der Unheilbarkeit von Parkinson, vor einem frühen Tod überrollten Kristina Deichsel im ersten Moment. Ihr Mann Guntram begegnete der neuen Situation mit viel Entschiedenheit: Pragmatisch und ruhig sei er geblieben, erzählt Kristina dankbar, und habe ihr damit das Gefühl der Ausweglosigkeit genommen. Die drei erwachsenen Kinder hätten sich gleich aktiv informiert und bestärkten ihre Mutter darin, dass Parkinson kein "Todesurteil" sei.

"Wie schaffen Sie das alles?" – Vor ihrer Erkrankung wurde Kristina Deichsel immer wieder bewundernd auf ihr aktives Leben angesprochen: Ihr großes Engagement als Lehrerin, als Beraterin für Gewaltprävention an Schulen und als Leiterin des Internationalen Jugendprogramms; dazu die Sorge für Kinder, Haushalt und Garten. Auch für Freunde war immer Raum. Sie ging wandern, machte Fahrradtouren und widmete sich dem Filmeschneiden am Computer. Heute ist alles anders – und doch nicht. Denn an Intensität und Fülle mangelt es im Leben der engagierten Biberacherin trotz Parkinson keineswegs. Noch immer fährt Kristina Deichsel in "ihr" Gymnasium, bereitet nachmittags die Stunden vor, erledigt Einkäufe, macht den Haushalt. Und Platz für Dinge, die Freude machen, findet sie trotz der Erkrankung täglich.

Doch alles, was sie heute tut, dauert etwas länger: das Anziehen am Morgen, das Zubereiten des Essens. Noch immer ist vorrangig ihre rechte Körperhälfte betroffen, was es der Rechtshänderin besonders schwer macht. Es ist die Verlangsamung, die Kristina Deichsel in dem Zusammenhang ärgert – sie, die immer so schnell war. Mit der Zeit fand sie heraus, wie sie mit ihren Hobbys die Symptomatik der Parkinson-Erkrankung verbessern kann. Ihr Bewegungstraining ist nur ein Beispiel. "Es gibt so vieles, was man noch kann", ist sie überzeugt. Freude sei bei allen therapeutischen Maßnahmen unabdingbar für einen positiven Effekt, meint die lebenslustige Frau entschieden. Ihre Begeisterung darüber, dass sie tagtäglich die Erfolge dieser Überzeugung spürt, hört man Kristina Deichsel an.

Zu ihrem persönlichen Übungsprogramm gehört, so viel wie möglich noch selber zu machen: Flaschen und Dosen öffnen, Folien für die Schule schreiben, am Computer tippen. Im Tagesverlauf sind zügige Spaziergänge mit ausladenden Schritten eingeplant. "Bald vielleicht", sobald sie nicht mehr unterrichtet, "mit einem eigenen Hund". Kristina Deichsel lacht. Auch Klavierspielen klappt noch gut, selbst wenn sie jetzt eher die langsamen Stücke probt. Am Abend geht sie erst zu Bett, wenn sie zumindest einmal "Imagine" von The Beatles und "Summer of 69" von Brian Adams gesungen hat. Ein weiteres Vergnügen jeden Tag. Sie spürt, dass ihre Motorik, die Stimme und ihre geistigen Fähigkeiten vom Musizieren profitieren. Und auch beim Tanzen, früher eine Leidenschaft des Ehepaares, zahlt sich Kristina Deichsels Hartnäckigkeit aus: Langsamer Walzer, Slowfox – diese ruhigeren Tänze sind jetzt wieder möglich.

Auf die Frage, welchen Rat Kristina Deichsel anderen Betroffenen geben würde, sagt sie ganz selbstverständlich: "Möglichst die Dinge sehen, die noch aktiv umgesetzt werden können. Nicht sagen ,Ich kann nur noch langsam gehen', sondern sich verinnerlichen ,Ich kann noch gehen, wenn auch langsamer'. Rauspicken der positiven Dinge ist nicht immer einfach, aber es ist möglich."

Engagement in der regionalen Selbsthilfegruppe Biberach
Freude und eine zuversichtliche Einstellung zu den Dingen möchten Kristina und Guntram Deichsel auch anderen Betroffenen vermitteln. Gemeinsam leiten sie die regionale Selbsthilfegruppe Biberach der Deutschen Parkinson Vereinigung (dPV) e.V.  Als die Gruppe Ende 2011 eine neue Leitung suchte, fragte man das Ehepaar – es stimmte zu, mit dem festen Willen, allen Beteiligten das Optimum zu bieten. Ein Fragebogen half, die Wünsche der Mitglieder zu evaluieren.

Heute organisieren sie Vorträge, Klinikführungen, Ausflüge und Messebesuche. Es gibt eine Gymnastikgruppe, es wird getanzt und gesungen. Bei jedem Treffen wird etwas Motorisches und Kognitives geübt. Demnächst soll es Schulungen im E-Mail-Schreiben und in Internetrecherche geben. Das zu können ist für Parkinson-Betroffene wichtig, sind die Deichsels überzeugt – als moderne Kommunikationsmöglichkeit, wenn die Mobilität abnimmt. Die Mitglieder erhalten darüber hinaus Unterstützung in rechtlichen Fragen. Viele wüssten gar nicht, bemerkt Kristina Deichsel, was ihnen alles zusteht.

Der Austausch untereinander kann für ein aktives Leben mit Parkinson motivieren. Denn der positive Blick gelingt verständlicherweise nicht immer alleine. In ihrer Selbsthilfegruppe fragt Kristina Deichsel jedes neue Mitglied: "Was macht Ihnen Freude?" Alles, was positiv ist, will das Ehepaar aufgreifen. Schöner Lohn für ihre Einstellung und sprühenden Ideen: Die Mitgliederzahl der Selbsthilfegruppe dPV regional Biberach ist seit Januar 2012 deutlich gestiegen.

Großer Filmabend zu Parkinson
Im Rahmen der regionalen Veranstaltungen zum Welt-Parkinson-Tag am 11. April organisiert die Selbsthilfegruppe der dPV-Regionalgruppe Biberach unter der Leitung von Kristina und Guntram Deichsel am 23. Mai 2012 einen exklusiven Film- und Informationsabend zum Thema "Leben mit Parkinson". Gezeigt werden Filme und Videos (Spielfilme, Filme Betroffener, Kurzfilme) zu unterschiedlichen Aspekten der Erkrankung. Eine Lesung ergänzt die Filmvorführungen. Der Abend wird von einem Arzt medizinisch begleitet, es besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Datum: Mittwoch, 23. Mai 2012, 17:30-21:30 Uhr
Ort: Sternenpalast (Kinozentrum) oder entsprechender Vorführraum, Waldseer Str. 3, 88400 Biberach an der Riss

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Weitere Informationen finden Sie unter:
http://www.dgn.org/neurologie-direkt/1983-neurologie-direkt-parkinson-veranstaltungen.html

Trotz ihrer inneren Kraft und dem Spaß an der Arbeit für die Selbsthilfegruppe – ein so aktives Leben ist natürlich auch für lebenslustige Biberacherin hin und wieder anstrengend. Muss auch sie sich manchmal aufrappeln? – Ja, es gibt Tage, an denen es schwerer ist und die Zuversicht sich versteckt, erzählt uns Kristina Deichsel. Dann versucht sie dennoch, all ihre guten Gedanken zu mobilisieren. Auch an solchen Tagen steigt sie hartnäckig auf ihren speziellen, fahrradähnlichen Trainer und absolviert ihr tägliches Programm zur Linderung der Parkinson-Symptome. Manchmal hilft auch Ehemann Guntram: "Er radelt dann neben mir auf seinem 'normalen' Heimtrainer, damit ich nicht alleine strampeln muss. Gemeinsam geht vieles besser."


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