Klettern für Menschen mit Parkinson

Schritt für Schritt nach oben

04.04.2012 - Lilo Hamman hat Parkinson. Nachdem die Erkrankung diagnostiziert wurde, fand sie im Klettern ein  spannendes und erfüllendes Hobby. Ihre Begeisterung gibt sie in Kletterkursen an andere Parkinson-Erkrankte weiter.

Klettern für Menschen mit Parkinson - Schritt für Schritt nach obenKlettern für Menschen mit Parkinson - Schritt für Schritt nach oben. Foto: iStock


"Zuerst legst Du mit dem Seil eine Schlaufe. Jetzt das Ganze einmal rum und das Ende durch das Loch durch. Jetzt ziehst Du das Ganze etwas an und siehst schon, ob der Knoten richtig wird." Wir stehen im Kursraum für Anfänger im Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins (DAV) in München-Thalkirchen. Lilo Hammann ist heute unsere Lehrerin im Kletterkurs. Die 53-jährige ist nicht irgendeine Kletterbetreuerin von DAV. Lilo Hammann hat Parkinson und bringt anderen Parkinson-Erkrankten die ersten Schritte an der Kletterwand bei.

Bevor es an die Wand geht, steht erst einmal das Einmaleins beim Klettern auf der Tagesordnung: Ausrüstung kennenlernen und Knoten für die eigene Sicherung üben. Man steigt in einen speziellen Gurt, in dem später das Kletterseil eingeknotet wird. Und dafür brauchen wir den Doppel-Achterknoten, der zu Beginn geübt wird, bis er sitzt. Ein gesunder Kletter-Schüler schafft es nach drei bis vier Wiederholungen: Das Seil darf nicht zu kurz und nicht zu lang, die Schlaufe, die durch den Klettergurt geführt wird, nicht zu groß sein.  Man kann sich gut vorstellen, wie schwer schon diese erste Übung für jemanden ist, der Parkinson hat, dem unkontrolliert eine oder beide Hände zittern. Und genau diese zitternden Hände werden später an der Wand ordentlich zugreifen müssen.

Zunächst üben die Kletterschüler im Kurs das so genannte "Bouldern": Dabei geht es erst einmal ohne Seilsicherung waagrecht die Wand entlang. Die Hände versuchen, die bequemsten der vielen gelben, roten, blauen und grauen Griffe zu finden,  die an der Wand festgeschraubt sind. Die Füße sollen unterdessen an kleinen, nur wenige Zentimeter breiten, teilweise abgerundeten Tritten Halt finden. Ich schaffe ein paar Meter, lasse mich auf die weiche, grüne Matte fallen, mit der der ganze Raum ausgelegt ist.

Schnupper-Kletterkurse für Menschen mit Handicap werden beim Deutschen Alpenverein München-Oberland und dem DAV Pfaffenhofen-Asch drei- bis viermal pro Jahr durchgeführt. Pro Kurs können zwei bis vier Kletterschüler teilnehmen. Die Termine werden individuell mit den Teilnehmern abgesprochen und finden im Kletterzentrum Thalkirchen, der Kletterhalle in Gilching oder  Pfaffenhofen statt. Für den zweitägigen Kurs kann die Ausrüstung ausgeliehen werden. Spezielle Voraussetzungen müssen die Interessierten nicht mitbringen, besonders sportlich muss man auch nicht sein.  Es gibt keine Altersgrenze. Weitere Infos erhalten Sie direkt bei Lilo Hammann: Tel. 015125239375 oder per E-Mail.

Greifen, festhalten, mit den Füßen gleichzeitig einen sicheren Stand finden – das ist das Handwerkszeug beim Klettern. Für jemand, der Parkinson hat, scheinen solche alltäglichen Bewegungen nicht selten unmöglich. Für sie sind sie oft nur mit großer Anstrengung und unter großem Zeitaufwand machbar. Doch es geht. "Ich kann natürlich am besten nachvollziehen, wie es den Kursteilnehmern geht, deshalb lassen wir uns bei all den Übungen auch viel Zeit", erklärt Lilo Hamman die Abläufe im Schnupperkurs. Das Ziel für ihre Schüler am zweiten Tag ist es, einmal auf einer leichten Route die Kletterwand nach oben zu steigen.

Lilo Hammann hat schon immer viel Sport gemacht, war früher oft Skifahren, Radfahren und hat über 1000 Tauchgänge absolviert. Einige ihrer sportlichen Hobbys hat sie nach ihrer Diagnose Parkinson vor acht Jahren an den Nagel gehängt – dafür mit dem Klettern angefangen. Vom "Klettervirus befallen" war sie gleich nach dem ersten Mal.
"Es war einfach faszinierend: Es gab nichts anderes mehr um mich herum, ich habe mich nur  noch auf den nächsten Griff, den nächsten Halt an der Wand konzentriert." Ihren Mann steckte sie mit ihrer Begeisterung an und heute geht sie bis zu dreimal in der Woche mit anderen zum Klettern, auch im Urlaub ist die Ausrüstung selbstverständlich im Reisegepäck. "Am Anfang steht man vor einer Wand und weiß überhaupt nicht ob man da hoch kommt. Aber es geht. Man schafft das", so Lilo Hammann über das, was sie am Klettern so beeindruckend findet. "Man lernt wieder Vertrauen – in sich und den Partner. Man ist zwar alleine an der Wand. Aber der Mann, die Freundin, ist ganz in der Nähe und sichert einen ab." Hinzu kommt beim Klettern in der Gruppe die gegenseitige Motivation und der Spaß, der bei allem nicht zu kurz kommt.

Im Kursraum hat Lilo Hammann inzwischen unser Sicherungsseil in rund fünf Meter Höhe am oberen Ende der Kletterwand in einen so genannten Umlenker eingehängt. Jetzt wird es ernst - es geht senkrecht die Wand hoch. Schnell bekomme ich mit, wo mir die eigenen Füße im Weg stehen, welcher Griff wohl eher für die Fortgeschrittenen gedacht ist – und dass nicht immer der direkte Weg der beste nach oben ist. Tastend, ziehend, schiebend arbeite ich mich bis zum letzten Griff unter der Hallendecke hinauf, rufe Lilo das vereinbarte Kommando zu. Sobald das Seil straff und gebremst ist, kann ich mich "hängen lassen" und pendle mich langsam wieder auf den Boden zurück. Eine gute Übung für Parkinson-Kletterer ist es auch, die Wand wieder herunterzusteigen. Denn dabei muss man sich besonders auf einen sicheren und festen Tritt konzentrieren.

Wer nach dem Schnupperkurs Spaß am Klettern gefunden hat, der kann natürlich dabei bleiben. Lilo Hammann hat das Klettern über die Jahre auch geholfen, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen. Die Feinmotorik wird geschult, man lernt viel über Gleichgewicht, Koordination und Körperschwerpunkt, die eigene Körperwahrnehmung wird regelmäßig trainiert. "Beim Klettern musst du eben den richtigen Fuß, den richtigen Arm einsetzen und bestimmte Sachen genau so und nicht anders machen – sonst fällst Du runter", erklärt sie. "Ich mache auch bei Sportkursen über die Krankenkasse mit. Dabei habe ich festgestellt, dass ich viele Übungen viel schneller umsetzen kann. Ich nehme an, das kommt vom Klettern."


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