Unterstützung für Parkinson-Betroffene

Verein Parkinson Nurses und -Assistenten e. V.

06.11.2014 – Parkinson ist eine komplexe Erkrankung und stellt besonders in der Spätphase eine große Herausforderung in der therapeutischen Versorgung dar. Welchen besonderen Mehrwert Pflegekräfte und Arzthelfer/innen in der Betreuung und Ansprache von Menschen mit Parkinson bedeuten, weiß Hans-Reinhard Kirsch aus seiner täglichen Arbeit zu berichten. Er ist Pflegekraft an der Universitätsmedizin Göttingen, Klinik für Klinische Neurophysiologie, mit einer Zusatzqualifikation zur sogenannten "Parkinson Nurse". Wir haben exklusiv für Leben mit Parkinson mit ihm gesprochen.Hans-Reinhard Kirsch, rechts im Bild, ist als qualifizierte Parkinson Nurse ein wichtiger Ansprechpartner für seine Parkinson-Patienten. © Sarah Holbein
Hans-Reinhard Kirsch, rechts im Bild, ist als qualifizierte "Parkinson Nurse" ein wichtiger Ansprechpartner für seine Parkinson-Patienten. © Sarah Holbein


Bei der Behandlung von Parkinson-Patienten geht es heutzutage nicht mehr allein um die richtige Medikation. Ziel ist es, dass Betroffene sich allumfassend betreut fühlen und Fragen stellen können, auch jenseits des Therapieplans. Das bedarf neben Fachwissen auch Zeit und Geduld. Eine Herausforderung, der viele Ärzte gegenüber stehen, da gerade aufgrund des straffen Praxis- und Pflegealltags ungewollt Defizite entstehen können.

Hans-Reinhard Kirsch – examinierter Krankenpfleger, seit 2011 zertifizierte Parkinson Nurse und seit über mehr als zehn Jahren in der Parkinsonversorgung tätig – erzählt uns im Interview von den Aufgaben der Parkinson Nurses und Parkinson-Assistenten sowie deren Funktion als wichtiges Bindeglied zwischen Patient und Arzt.

Ziel des Vereins Parkinson Nurses und -Assistenten e. V. – für den Hans-Reinhard Kirsch als Ansprechpartner der Öffentlichkeitsarbeit fungiert – ist, die pflegerische Versorgung von Menschen, welche an Parkinson und anderen Parkinsonsyndromen erkrankt sind, in Deutschland zu optimieren. Gleichzeitig soll die Möglichkeit der Zusatzqualifikation "Parkinson Nurse" in Kliniken und "Parkinson Assistenz" in Arztpraxen bekannter gemacht werden.

LMP: Herr Kirsch, was kann man unter "Parkinson Nurse" und "Parkinson Assistenz" verstehen?

H.-R. Kirsch: Das Berufsbild der Parkinson-Assistenz gibt es in Deutschland schon etwas länger, seit ca. 2004. Das Fortbildungsangebot ist ursprünglich von QNANUP – Verband für Qualitätsentwicklung in Neurologie und Psychiatrie e. V. entwickelt worden. Zielgruppe sind in erster Linie Arzthelfer/innen in Arztpraxen. Die Fortbildung zur Parkinson Nurse gibt es in Deutschland seit 2007 und richtet sich nur an gelernte Pflegekräfte. Die Fortbildung geht auf positive Erfahrungen mit so genannten Parkinson Nurses in Skandinavien und Großbritannien zurück, wo die Möglichkeit dieser Zusatzqualifikation bereits seit etwa 15 Jahren angeboten wird. Grundstein dieser Fortbildung war, dass man ein Bindeglied zwischen Patient und Arzt schaffen wollte, da man feststellte, dass in der Behandlung von Patienten mit Parkinson etwas in der Versorgung fehlte. Viele Pflegekräfte bzw. Arzthelfer/innen kommen mit dem komplexen Krankheitsbild nicht zurecht, weil eben das Fachwissen, das Verständnis dafür fehlt. Das macht sich nicht nur in allgemeinmedizinischen, auch in neurologischen Abteilungen bzw. Praxen bemerkbar, wo Parkinson nicht zum Schwerpunkt der Behandlung gehört. Da wünschte man sich etwas, das diese Lücke schließt.

LMP: Welche Aufgaben übernehmen Parkinson Nurses und Parkinson Assistenten?

H.-R. Kirsch: Im Prinzip sind Parkinson Nurses und Parkinson Assistenten spezielle medizinische Fachkräfte, die sich mit dem Thema Parkinson beschäftigen und darauf spezialisiert sind. Das schließt die typischen und atypischen Symptome ein sowie Therapiemöglichkeiten, insbesondere in der Spätphase der Erkrankung. Gleichzeitig gehört zu unseren Aufgaben, Patienten rund um die Erkrankung auch ohne Anwesenheit des Arztes kompetent zu beraten, den Kontakt zu Patienten und Angehörigen zu intensivieren, Hilfe und Kontakt zu Selbsthilfegruppen zu geben und Komplikationen frühzeitig zu erkennen und gezielt dem Arzt zu melden.

Darüber hinaus können wir auch Seelsorger, "Ideenbörse" und Vermittler sein. Als Patient mit einer chronischen Erkrankung wie Parkinson, hat man in irgendeiner Form Defizite, mit denen man lernen muss, umzugehen. Parkinson-Patienten erzählen mir von ihren Defiziten und was sie tun, um mit diesen umzugehen, und ich kann diese Tipps und Ideen wiederum an andere Parkinson-Patienten weitergeben. Vermittler ist die Parkinson Nurse aber auch zwischen Arzt und Patient. Eine Schwierigkeit in Kliniken ist häufig, dass Patienten Informationen des Arztes beispielsweise bei der Visite nicht verstehen. Da können wir als qualifizierte Pflegkräfte vermitteln. Ein Stückweit Seelsorger sind wir ebenfalls, da sich die Patienten mit ihren Sorgen häufig uns gegenüber eher öffnen als dem Arzt. Wir sind aber nicht nur Informationsträger für die Ärzte und Patienten, ebenso auch Berater für die pflegerischen Kollegen, die nicht auf Parkinson spezialisiert sind.

LMP: Wie werden beispielsweise "Parkinson Nurses" eingesetzt?

H.-R. Kirsch: Wie im speziellen Parkinson Nurses in Deutschland eingesetzt werden, ist noch sehr unterschiedlich. Es gibt keine Verankerung, wie das zu regeln ist. Manche Kliniken haben speziell-geschulte Parkinson Nurses, andere nicht. Es gibt Kliniken, an denen die Parkinson Nurses freigestellt sind und phasenweise in der Diagnostik und Therapie mitarbeiten. Dann gibt es auch Kliniken, an denen die Parkinson Nurses Teil des Teams sind – wie in meinem Fall – und die Kollegen im Umgang mit den Parkinson-Patienten unterstützen. Im Bereich der Parkinson Assistenz wird es sich ähnlich verhalten.

LMP: Warum sind Sie Parkinson Nurse geworden und wie stehen Sie heute dazu?

H.-R. Kirsch: Parkinson Nurse bin ich eigentlich zufällig geworden. In unserer Klinik für Klinische Neurophysiologie war Bedarf und unser Chefarzt stand eines Tages da und fragte, wer von uns diese Fortbildung machen möchte. Heute freut es mich, dass ich diese Chance bekommen habe und als Parkinson Nurse tätig sein kann. Es macht mir auch Spaß. Denn ich stelle fest, dass eigentlich alle Parkinson-Patienten, mit denen ich arbeite, trotz Ihrer Erkrankung einen gewissen Optimismus und Humor an den Tag legen. Dementsprechend macht es mir natürlich auch Freude, mit diesen Patienten zu arbeiten.

LMP: Wie werden Sie als Parkinson Nurse in Ihrer Klinik angenommen?

H.-R. Kirsch: Sehr gut. Parkinson-Patienten sprechen mich häufig gezielt an, nicht den Arzt, wenn sie Schwierigkeiten haben. Die Ärzte wiederum kommen ebenfalls auf mich zu und bitten um meine Einschätzung. Bei der Pumpentherapie für Patienten im Spätstadium beispielsweise gab es schon Ärzte, die ich eingewiesen habe, wie man vorgeht. Die Parkinson Nurse ist teilweise also auch wie eine Art Mentor für den Arzt.

LMP: Was muss man tun, wenn man wie Sie Parkinson Nurse werden möchte?

H.-R. Kirsch: Um Parkinson Nurse werden zu können, müssen Sie zuerst einmal examinierte Krankenpflegekraft sein und benötigen zudem zwei Jahre Berufserfahrung in einer Parkinson- oder neurologischen Klinik. Pro Jahr werden deutschlandweit maximal 15 Parkinson Nurses in vier verschiedenen Kliniken ausgebildet. Anmelden bzw. bewerben für die Fortbildungsreihen kann man sich online über unseren Verein.

LMP: Wie lange geht die Fortbildung zur Parkinson Nurse und wie ist diese aufgebaut?

H.-R. Kirsch: Die Fortbildung geht ca. ein Jahr und umfasst vier Theorieblöcke an den Wochenenden.
Die Theorieblöcke erfolgen in der Paracelsus-Elena-Klinik Kassel, welche mit der Fortbildung zur pflegerischen Versorgung von Parkinson-Patienten startete. Schwerpunkte sind beispielsweise Grundwissen zur Erkrankung Parkinson, Frühsymptomatik, psychologische Aspekte, Medikamentennebenwirkungen, auch Tiefenhirnstimulation und Pumpentherapie. In der Spätphase der Parkinson-Erkrankung ist die Pumpentherapie elementar, wenn die Medikation in Tabletten-Form nicht mehr greift. Daher ist es wichtig, dass sich Parkinson Nurses damit auskennen.

LMP: Was möchte der Verein mit den spezialisierten Pflegekräften Parkinson-Betroffenen ermöglichen?

H.-R. Kirsch: Wir ermöglichen eine Vermittlung zwischen Ärzten und Betroffenen. Wir sind im Prinzip näher am Patienten. Ich nenne das gerne die akademische Stufe zwischen dem Patienten und Arzt. Die Ärzte drücken sich eher akademisch aus, der Patient kann in der Regel nicht alles nachvollziehen. Und es wird immer die Pflegekraft gefragt. Wir als Pflegekräfte lernen auch von den Patienten. Denn niemand beschäftigt sich so stark mit einer Erkrankung, wie der Patient selbst. Und ihr Wissen geben Patienten an uns Parkinson Nurses weiter. Wir profitieren davon und können es wiederum an andere Patienten weiter geben. In Deutschland sind bisher rund 400 Parkinson Assistenten in neurologischen und nervenärztlichen Praxen und bis zu 120 Parkinson Nurses an Kliniken tätig. Wir möchten, dass es in naher Zukunft deutschlandweit mehr werden. Spezielle Schulungen für Pflegekräfte und Pflegekonzepte, die auf Parkinson ausgerichtet sind und die wir anbieten, sollen dies ermöglichen.

LMP: Bieten Sie neben dem Angebot für Parkinson-Betroffene auch Service für Angehörige?

H.-R. Kirsch: Der Verein unterstützt Angehörigen-Cafés, die ausschließlich für Angehörige gedacht sind. Die Selbsthilfegruppe aus Göttingen beispielsweise bietet neben gemischten Gruppen auch Treffen nur für Angehörige an. Im Angehörigen-Café können sie sich nicht nur die Sorgen von der Seele reden, vielmehr wird auch versucht, ihnen das Krankheitsbild Parkinson besser zu vermitteln, um ihr Verständnis dafür und den Umgang damit zu verbessern.

LMP: Der Verein "Parkinson Nurses und Assistenten e. V." arbeitet eng mit der Selbsthilfegruppe „Jung und Parkinson“ zusammen – können Sie uns etwas zu dem gemeinsam geplanten Projekt "Online Parkinson Café" sagen?

H.-R. Kirsch: Das Online Parkinson Café ist ein moderierter Selbsthilfegruppen-Austausch, den der Verein ins Leben gerufen hat. Normalerweise werden in Selbsthilfegruppen häufig auch mal Experten eingeladen, die etwas erzählen. Wir haben aber festgestellt, dass der Austausch mit Pflegekräften wesentlich effektiver ist. Wir können anders erklären und die Patienten sind oft lockerer beim Fragen. Wir planen, die Selbsthilfegruppe zusammen mit "Jung und Parkinson" auch Online anzubieten. Derzeit ist das Projekt aber noch in der Aufbauphase.

LMP: Herr Kirsch, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Interview und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit zur Förderung der Parkinson Nurses und Parkinson Assistenz in Deutschland.

Weitere Informationen rund um Parkinson Nurses und Parkinson Assistenz erhalten Sie auf der Internetseite des Vereins Parkinson Nurses und -Assistenten e. V.

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